Ein Blick in Bad Lauterbergs Unterwelt

29. Oktober 2018

Einmal im Jahr ziehen ganz normal aussehende Menschen, einige mit Warnwesten, durch die Straßen und blicken in die Unterwelt. Dann heißt es: Abwasserverbandsschau. Vertreter der einzelnen Mitgliedskommunen des Abwasserverbandes Großraum Bad Lauterberg schauen in die Abwässerschächte. Jedes Jahr suchen sie sich einen anderen Bereich im Verbandsgebiet aus. „Sie kontrollieren, ob wir unsere Arbeit gut machen“, drückte es Betriebsleiterin Franka Humm mit einem Augenzwinkern aus.

Diesmal hatten sich die „Schaubeauftragten“ das Dietrichstal hinter dem Freizeitbad Vitamar und rund um das Hotel Panoramic vorgenommen. Franka Humm hatte alles vorbereitet, hatte einen Lageplan dabei, auf der jeder einzelne Kanaldeckel mit darunterliegendem Schacht eingezeichnet ist. 52 Schächte standen diesmal auf dem Programm.

Abwasserverbands-Vorsteher Dr. Thomas Gans stellte bei der Begrüßung fest, dass in diesem Jahr der Zuspruch zur Verbandsschau recht gering sei. Jährlich einmal sei eine solche Schau vorgeschrieben, erklärte er. Zum ersten Mal seit er Vorsteher sei finde die Schau in der Kernstadt statt.

Was sehen die Fachleute vom Verband und die Schaubeauftragten, wenn sie in die Schächte schauen, also in die Kanalisation unter den Straßen der Stadt? Zunächst geht es um den rund 95 Kilogramm schweren Deckel. Der muss fest liegen, damit er nicht wackeln und damit die Anwohner bei jeder Überfahrt nerven würde. Dann ein Blick auf den Zustand des Schachtes. Nicht überall gibt es glatte Betonröhren, manche alte Schächte sind auch noch gemauert. Das allein ist kein Mangel. Aber wenn viele Fahrzeuge im Laufe der Jahre über den Deckel fahren, kann der Schacht beschädigt werden. Das gesamte Bauwerk kann Schäden aufweisen. Ebenso wichtig ist die „Sauberkeit“ im Kanal. Wenn sich Dreck ansammelt, kann es zu Verstopfungen kommen. Oder der Dreck ist eine Folge einer sich bildenden Verstopfung, etwa weil Wurzeln von Bäumen in der Nähe hineingewachsen sind. Dann muss die Leitung gespült werden.

Die Steigeisen in den Schächten werden in der Praxis nicht mehr genutzt. Das sind die eingebauten Kletterhilfen in den Schächten. Wegen der hier ständig herrschenden Feuchtigkeit können sie rosten und abreißen, wenn jemand darauf tritt. Heute ist eine Anlegeleiter Standard beim Betreten des Schachtes. Das sollte eigentlich auch eine Ausnahme sein, denn in den Schächten können sich gefährliche Gase bilden. Deshalb muss vor jedem Betreten die Gaskonzentration gemessen werden. Wenn möglich, angeln die Techniker versehentlich hineingeratene Gegenstände heraus.

Am Ende bestand das Protokoll von Betriebsleiterin Franka Humm aus einer langen Liste, obwohl eigentlich alles in Ordnung war. Die Abwasserleitungen funktionieren ja. Aber bei dem einen Schacht notierte sie, dass die Leitung einmal gespült werden muss, bei einem anderen ragte der Schacht aus der Straße etwas heraus, so dass eine Stolperfalle entstanden ist, bei wieder einem anderen Schacht waren die Steine unter dem Deckel lose oder sogar kaputt. Es kommt sogar vor, dass sich die Deckelkonstruktion verschoben hat. Dann liegt der Deckel zwar richtig in der Fahrbahn, aber nicht genau über dem Schacht. Die Liste werde in den nächsten Tagen abgearbeitet und Reparaturaufträge vergeben, sagte die Abwassermeisterin.

Keine Rolle spielt heute zumindest im Verbandsgebiet die Fremdeinleitung von Regenwasser. Was noch vor 25 Jahren Hauptthema der Abwasserschau war, die Einschätzung nach der Menge, ob unten nur Abwasser oder auch Niederschlagswasser fließt, ist nach den Korrekturen kein Thema mehr. Auch gelten zur Zeit Ratten nicht als Problem. In jeder Kanalisation leben Ratten, aber die Anzahl ist so gering, dass sie keine Probleme machen. Trotzdem werden Giftköder gelegt, um das Problem zu begrenzen. Damit die Köder nicht weggeschwemmt werden, sind sie angebunden.

Am Ende waren die Schaubeauftragten zufrieden, scheint doch alles in einem ordnungsgemäßen Zustand zu sein. Allein für die Unterhaltung der Kanalisation von St. Andreasberg und von Steina bis nach Scharzfeld, wo sich die Kläranlage befindet, sind 30.000 bis 40.000 Euro im Haushalt eingestellt. Dazu kommen Sanierungen, wie etwa derzeit in Scharzfeld, wo eine Straße aufgerissen wird. Dann werden bei der Gelegenheit auch gleich neue Kanäle unter der Erde verlegt.

Nach der Schau lud Thomas Gans als Vorsteher des Abwasserverbandes zum gemeinsamen Essen ein.

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